

Jeder Mensch sehnt sich nach wahrer Liebe und Freiheit. Voraussetzung dafür sind Vertrauen,Treue und Verzichtsfähigkeit. Am Beispiel von Säugling und Kleinkind sehen wir, dass diese Eigenschaften noch vorhanden sind. Durch bestimmte Faktoren können diese leider beeinträchtigt werden oder gar verloren gehen. Gott sucht unsere Einwilligung zur Umkehr, damit wir zu dem werden, wozu wir geschaffen sind. Denn Vertrauen,Treue und Verzichtsfähigkeit sind Eigenschaften Gottes. Je mehr wir uns mit der Psychologie beschäftigen, umso mehr erkennen wir, dass wir nach dem Bild Gottes geschaffen sind. Vertrauen, Treue und Verzichtsfähigkeit sind notwendige und die Notwendende Elemente unserer Liebes- und Leistungsfähigkeit.
Das Wesen Gottes ist Liebe. In der Bibel steht: "Gott ist Liebe, und wer in dieser Liebe bleibt, der bleibt in Gott" (1. Johannes 4,16). Wie der Fisch geschaffen ist, um im Wasser zu leben, so ist der Mensch geschaffen, um in der Liebe zu leben. Wenn der Fisch aus dem Wasser kommt, gerät er in Not; wenn der Mensch den Raum der Liebe verlässt, kommt er ebenfalls in große Not, denn er lebt nicht mehr schöpfungsgemäß. Weil Gott Liebe ist, sucht er die Menschen. Wenn der Mensch auf das Suchen Gottes aber nicht eingeht und umkehrt, oder ihn ganz verlässt, verliert er den ihm von Gott zugedachten Platz in der Schöpfung. Solange der Mensch in der Gottferne lebt, bleibt sein tiefstes Verlangen ungestillt. Er überlässt sich selbstgemachten Hoffnungen in Gestalt von Religionen und Ideologien und gerät in Abhängigkeiten menschlicher Systeme. Dazu liefert die Menschheit eine Fülle negativer Beispiele auch aus der jüngsten Vergangenheit der europäischen Geschichte. Mit dem Verlust der Fähigkeit zu selbstloser Liebe verliert der Mensch auch seine Freiheit. Freiheit und Liebe sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Basis dieser Freiheit ist eine angstfreie Geborgenheit.
Die frühkindliche Entwicklung lässt die Liebe Gottes zu jedem Menschen und die ihm zugedachte Freiheit erkennen. In den ersten Lebensjahren gibt es Entwicklungsschritte, die das Geschaffensein nach Gottes Bild durchscheinen lassen.
Die zentralen Eigenschaften göttlichen Wesens sind:
Das Urvertrauen des neugeborenen Kindes ist sozusagen die instinktiv abgesicherte, unveränderliche Größe als Basis unserer Existenz. Der Säugling bildet eine Einheit mit der Mutter, ein biopsychisches System, das gegen Außenreize durch eine hohe Reizschwelle geschützt ist. Es gelangen nur solche Reize und Signale in das System, die lebensnotwendig sind. Und hierzu gehören u.a. die Stimme der Mutter. Auf fremde Stimmen wird zunächst nicht oder nur unspezifisch reagiert. Der Säugling ist eine in sich selbst ruhende Einheit mit der Mutter.
Im dritten Monat hebt sich aus den nun zunehmend wahrgenommenen Außenreizen ein sogenannter Schlüsselreiz heraus. Es ist das Gesicht eines Menschen von vorn, "Kumpanschema" (K. Lorenz). Jeder kennt die Wirkung dieses Schlüsselreizes: Wenn man einem anderen Menschen direkt und mit festem Blick in die Augen sieht (fixiert), entsteht sofort ein Gefühl von Spannung, weil eine Reaktion instinktiv gefordert wird. Der Säugling lächelt jedes von vorn dargebotene Gesicht eines Menschen an. Er tut das auch,wenn ihm nur eine Attrappe vor Augen gehalten wird. Hier gibt es optisch noch keine personal-individuelle Beziehung, es ist lediglich die Beziehung zwischen Artgenossen.
Das ändert sich, wenn der Säugling auf ein Gesicht mit Lächeln reagiert und das Gegenüber nicht zurücklächelt. Da die leibliche Mutter (auch der Vater) in der Regel am häufigsten widerlächelt, kommt es zur Differenzierung zwischen Mutter (beziehungsweise Vater) und anderen Menschen. Die Mutter (der Vater) wird zur Vorzugsgestalt im Wahrnehmungs-Umfeld des Säuglings. Anderen Menschen gegenüber kommt es zu dem bekannten "Fremdeln" (etwa im achten Lebensmonat). Das Urvertrauen geht primär über das Wort und nicht über den optischen Eindruck. Es steht deshalb in der Bibel als Anfang der persönlichen Gottesbeziehung: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein" (Jesaja 43,1).
Das Gesicht bleibt für ein ganzes Leben das zentrale Signal zur Aufnahme einer Beziehung. Im freien Blick in die Augen des Anderen kommt es zu einer ersten unbewussten Einschätzung des Gegenübers vor allem in Hinsicht auf Macht und Vertrauen. Gott fordert den Menschen auf: "Sucht mein Angesicht" (Psalm 105,4). Auch hier geht es um die Aufnahme einer Vertrauensbeziehung, die im Wort, d.h. im Gebet, ihre Vertiefung und ganz persönliche Ausprägung erfährt. Generell ist jede Entwicklung von Leben Anpassung an die konstanten Daseinsbedingungen. Für den Menschen ist es die Anpassung an die Wahrheit und Wirklichkeit Gottes.
Die Daseinsverankerung unserer Existenz weist zwei Dimensionen auf: Die vertikale Einordnung und die horizontale Zuordnung. Einordnung und Zuordnung sind im Doppelgebot der Liebe repräsentiert: "Du sollst Gott lieben" (Einordnung) "und deinen Nächsten wie dich selbst" (Zuordnung). Das Kind kann nur durch Vertrauen diese beiden Dimensionen erkennen und für sich selbst mit Leben füllen. Es ist nicht möglich, diese beiden Dimensionen voneinander zu trennen oder gar gegeneinander zu setzen. Nur wer eine lebendige Beziehung zu einem lebendigen, personalen Gott nicht kennt beziehungsweise anerkennt, ist genötigt, die vertikale Einordnung zu leugnen und Gott auf die Ebene der Zwischenmenschlichkeit zu reduzieren. Das bedeutet aber einen existenziellen Vertrauensverlust, der der Entwicklung einer angstfreien Selbststeuerung und Verantwortung entgegensteht und einer Ideologieanfälligkeit und Manipulierbarkeit Vorschub leistet. Selbststeuerung ist ohne ein Mindestmaß an Vertrauen zu sich selbst und zur Umwelt nicht möglich. Das Vertrauen zu sich selbst beruht auf einem Vertrauen zu Gott (Beantwortung der Sinnfrage) und einem Vertrauen zum Nächsten (personale Beziehungsfrage).
Bald kommt es zu einer ersten deutlichen Krise in der Entwicklung des Säuglings im Übergang zum Kleinkind. Das Urvertrauen erfährt eine erste Bewährungsprobe. Das Kleinkind überwindet die "Hier- und Jetzt- Befriedigung" durch Wagnis eines flüchtigen Verzichtes auf Nähe. Und es festigt diese wichtige Erfahrung durch ein Spielchen, das alle Mütter kennen: Das Kleinkind versteckt sich hinter einem Türpfosten und sagt: "Guck- Guck", um dann sofort wieder zu sehen, ob Mutter noch da ist. Was übt das Kind? Wenn es reflektieren und es uns sprachlich mitteilen könnte, würde es vielleicht sagen: "Wenn ich Mutter nicht sehe, ist sie dennoch meine Mutter, ist sie dennoch für mich immer da." Das ist die Erfahrung einer Treue-Beziehung.
Als Erwachsene kennen wir auch dieses Spiel, vielleicht für manche ein gewohntes Ehespiel: Wir verstecken uns nicht hinter der Tür, aber wir sagen: "Ich kann dich nicht mehr sehen, nicht mehr ertragen." Dann mag Zeit vergehen, bis wir wieder hinter der Tür hervorkommen und fragen: "Hast du mich noch lieb; bist du noch da?" Die von der jeweiligen Situation unabhängige Treue der Mutter (des Partners) ist eine wesentliche Voraussetzung für die Stabilität und Tragfähigkeit einer Beziehung. Aber dieser flüchtige Verzicht, das kurzfristige Wagnis der Distanz zur geliebten Person gelingt nur auf der Basis eines in der vorangehenden Entwicklung ausdifferenzierten Urvertrauens.
Auch dieser entscheidende Schritt in unserem Geschaffensein nach Gottes Bild führt über eine Krise und deren Bewältigung durch das Kleinkind. Die Krise entsteht dadurch, dass die geliebte Mutter, deren Treue sich bewährt hat, nun zu den Impulsen des Kindes plötzlich verbietend "Nein" sagt. Nur in der Bewältigung des "Nein" von Seiten der Mutter gewinnt das Kind sein "Ja". Gott schuf den Menschen mit der Fähigkeit, verzichten zu können, um in innerer Freiheit "Ja" oder "Nein" sagen zu können.
1. Schritt: Das Kleinkind reagiert auf das Nein als Geste oder Wort der Mutter (beziehungsweise einer entsprechenden Bezugsperson) zunächst rein funktional mit einem Zurückweichen. Das Nein ist nur ein Umweltsignal, wie beispielsweise eine rote Ampel. Das Kind reagiert je nach dem Kräfteverhältnis mit Nachgeben oder Widerstand. Das ist die Ebene einer unpersönlichen Dressur.
2. Schritt: Wenn eine gute Beziehung zur Mutter oder zu einer adäquaten Bezugsperson besteht, die so belastbar ist, dass das Nein des Kindes geduldig getragen werden kann, wird das Nein einen Bedeutungswandel erfahren. Es bedeutet dann nicht nur Impuls-Stop ("rote Ampel") und Frustration, sondern es bedeutet auch Trennung, Distanz zu einer geliebten Person. Die funktionale Bedeutung des Neins wird erweitert durch eine personale Bedeutung.
3. Schritt: Der dritte Schritt in der Entwicklung von Nein und Ja beginnt mit der Bewusstwerdung einer Dilemmasituation: Der Ambivalenz zwischen Impulsdurchsetzung und Inkaufnahme der Trennung von der Mutter einerseits und Autonomie-Verlust, Frustration und dafür Ungetrenntheit von der Mutter andererseits.
Das Kind bewältigt diese zwiespältige Situation nun nicht, indem es zwischen diesen beiden Alternativen zu wählen versucht, sondern es probiert eine neue Möglichkeit.
4. Schritt: Das Kind wagt zu vertrauen und sagt gleichsam probeweise zu sich selbst "nein". Es wagt das Nein zu sich selbst, d.h. den Verzicht auf dem Hintergrund einer guten Beziehung zur Mutter. Wenn die Beziehung zur Mutter nicht gut ist, wird das Kind gar kein inneres Motiv haben, diese neue Möglichkeit zu probieren, ja, es sieht sie offensichtlich gar nicht, sondern bleibt auf der funktionalen Dressurebene. Bei einer guten Mutter-Kind-Beziehung erfährt das verzichtende Kind, dass die innere Übereinstimmung mit dem Willen der Mutter vergleichsweise wertvoller ist als die Durchsetzung des eigenen Impulses.
5. Schritt: Nun ahmt das Kind das Nein der Mutter nicht nur äußerlich nach, sondern verinnerlicht das Nein der Mutter und macht es zu seinem eigenen Nein. Es erlebt sich mit der Mutter eins, und es erlebt so eine Vertiefung der Beziehung. Aus Liebe zur Mutter vermag es zu verzichten. Damit identifiziert sich das Kind mit der Mutter. Damit gewinnt das Kind die Freiheitsgrade der Selbststeuerung. Durch das Nein des freiwilligen Verzichtes entsteht eine höhere Qualität der Beziehung. Nicht mehr die äußere Belohnung steuert das Verhalten, sondern die qualitative Aufwertung der inneren Beziehung in Gestalt eines Vertrauenszuwachses bestimmt die wechselseitige Regulation. Dieser Vertrauenszuwachs ermöglicht einen Verzicht ohne Liebesverlustängste. Das Kind sucht nicht nach Gaben, nicht nach Belohnung, nicht nach Befriedigung, sondern letztlich nach Beziehung, personaler Bestätigung, Befriedung und Geborgenheit. Das ist mehr als Befriedigung auf der Ebene von Lust beziehungsweise Unlust.
Ist der positive Aspekt einer guten Mutter- Kind-Beziehung nicht gegeben, kann das probeweise Vertrauen nicht bestätigt werden, oder es wird erst gar nicht gewagt. Die Weiterentwicklung der Beziehung verkümmert, die Beziehung retardiert und bleibt auf der Dressurebene stehen. In so einem Fall identifiziert sich das Kind mit dem sich nun herausbildenden negativen Beziehungsaspekt auf personaler Ebene: Es gehorcht aus Angst vor Liebesverlust. Es wird ein gehemmtes, braves Kind und gerät unter den Druck einer moralisierenden Liebe. Die Aggressionen können sich nun nicht mehr wie auf der vor angehenden rein funktionalen Ebene in offenem Trotz äußern, sondern werden durch Identifikation abgewehrt. Diese unterschwellige Aggression verunsichert das Selbstwertgefühl des heranwachsenden Kindes. Ein solches Kind ist sich nie sicher, ob es brav genug ist,weil es ständig Angst hat, die Liebe der Mutter zu verlieren. Es fragt deshalb auch häufig: "Hast du mich lieb, bin ich lieb?", oder es fordert entsprechende Gesten und Zeichen von Seiten der Mutter, die die Liebe bestätigen sollen, oder es stabilisiert sich eine Trotzhaltung und Verweigerung einer Beziehung bei unterschwelligem Verlassenheitsgefühl.
So geschädigte Kinder wollen immer alles haben, aber wenn sie es haben (Auto, Puppe usw.), verlieren sie schnell das Interesse daran, und die Spielsachen stapeln sich. Was ist die Not des Kindes? Es hat an die Stelle der Beziehung zur Mutter (zum Vater) die Gabe gesetzt und kompensiert für einen Augenblick den Verlust der Nähebeziehung in dem Akt der Mutter: "Da, das habe ich dir mitgebracht." Es sucht immer neu diesen Rest an erlebbarer Zuwendung, lebt gabenorientiert und verliert den Weg personaler Liebe.
In der Bibel wird vorausgesagt, dass eine Zeit kommen wird, in der die Pädagogik eine "Erziehung zum Ungehorsam" fordert (antiautoritäre Erziehung): "In den letzten Tagen dieser Welt werden schreckliche Zeiten kommen. Dann werden die Menschen nur sich selbst und ihr Geld lieben.Wichtigtuerei und maßlose Selbstüberschätzung werden sie ebenso kennzeichnen wie Verleumdung, Ungehorsam ihren Eltern gegenüber ..." (2.Tim. 3, 1-2). Damit kann nicht der generelle Ungehorsam des Generationskonfliktes gemeint sein, denn diesen gab es immer. Es ist eine neue Qualität des Ungehorsams: Ungehorsam als Ideologie und Prinzip der Negation (Hegel). Die Liebe zwischen den Menschen wird erkalten,weil der Egoismus überhand nimmt. Freiheit ist eben nicht Abwesenheit von Zwängen, sondern die Fähigkeit, aus Liebe zum Nächsten verzichten zu können.Wer Freiheit als Abwesenheit von Zwang definiert, verwehrt dem Menschen das Ruhen in der Geborgenheit, stimuliert die Macht, Zwänge beseitigen zu können und programmiert Enttäuschung. Am Ende dieses Weges liegen Einsamkeit und Auflehnung, die,weil sie nicht ertragen werden können, in die äußeren Verhältnisse wie Staat, Gesellschaft und Institution projiziert werden.
Wer zur Emanzipation erzieht, ohne die Bindung zu Gott anzuerkennen, wirft den Menschen letztlich auf sich selbst zurück. Man wird nicht frei, weil keine umfassende Geborgenheit gegeben ist. Freiheit ist nicht eine Begleiterscheinung des Haben-Wollens; Freiheit hat etwas mit unserem Sein zu tun. Wer Liebe haben will, wird nie ein freier Mensch sein, aber wer in Liebe ist, wird die Freiheit haben, zu lieben. Christen sind die in Wahrheit Emanzipierten. Sie sind voll verantwortlich in dieser Welt, ohne von ihr letztlich abhängig zu sein.
Die Ungeborgenheit, Ungebundenheit und Unverbindlichkeit des modernen Menschen, getarnt als Emanzipation, legitimiert durch die sogenannte Selbstbestimmung des Menschen, programmiert eine Fehlentwicklung mit allen ihren negativen Konsequenzen. Der Ungeist der Zeit hat sich voll ausgewirkt auf die Erziehung und über die Erziehung auf die Entwicklung von Verantwortung und Selbststeuerung. Die Pädagogen vor Ort stehen nun vor Schwierigkeiten, die ihnen ihre Schreibtischkollegen beschert haben. Was der Mensch sät, wird er ernten. Das trifft für Eltern zu, die ihre Kinder falsch erzogen haben, und das gilt für eine Gesellschaft, die die Heranwachsenden mit der Lüge von Freiheit und "Recht auf Lust" um die so lebensnotwenige Geborgenheit und das Vertrauen in Dasein und Existenz betrogen hat.
Wenn der Mensch der Lüge glaubt und für die Wahrheit und Wirklichkeit Gottes blind ist, vermag er dieses Geschaffensein nach Gottes Bild nicht mehr zu erkennen und macht sich selbst Bilder und Idole, die ihn dann zu verführen und zu manipulieren vermögen. Die Kraft zu einem Leben in echter Freiheit kommt durch Jesus Christus, der selbst auf seine Herrlichkeit und Macht verzichtet hat, um aus Liebe zu uns und für uns den Tod am Kreuz zu sterben, auf dass wir mit Gott versöhnt würden und der Freiheit und Liebe zu leben vermögen. Wer in einer vertrauensvollen Beziehung zu Jesus Christus lebt, ist zur inneren Freiheit berufen und soll niemandes Knecht mehr werden (Galater 5,1).