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Die IVCG

 
Ausgabe 09/00 

«Götze Mammon»

 

00.32 Uhr. Die Sitzheizung verrichtet ihren Dienst. Der Geruch des warmen Leders paart sich mit den chemischen Überbleibseln der letzten Textilreinigung meines Anzugs und den Absonderungen des strapazierten Körpers, der seit nunmehr knapp siebzehn Stunden in ihm steckt. Ich schalte einen Gang hoch und lasse meine feuchtklebrige Hand auf dem Knauf ruhen.

In der Aktentasche auf dem Beifahrersitz meldet sich piepsend die elektronische Agenda, die mich unnötigerweise bereits zum dritten Mal daran erinnert, dass ich bis spätestens um 01.00 Uhr die überarbeitete Präsentation für die bevorstehende Aktionärsund Medieninformation zur feindlichen Übernahme der Firma von «X» durch Grossaktionär «Y» abzuliefern habe.

 «Y» beabsichtigt das Zepter von «X» an sich zu reissen, um – wie «Y» kommunizieren wird – der Firma zu neuem Glanz und vor allem zu noch besseren Renditen zu verhelfen. Letztere wiederum werden – immer vorausgesetzt, dass das Vorhaben gelingen wird – steuerfrei in «Y’s» Taschen fliessen. Dies indes wird «Y» im Rahmen seiner Rede vor versammeltem Publikum sicherlich nicht kommunizieren.

Mir ist übel und ich frage mich, ob jener bittere Geschmack, welcher sich in meinem Mund und Rachen festgesetzt hat, auf den übermässigen Konsum von «Red Bull» und Nikotin zurückzuführen ist.

Homo Beckershoff erreicht sein Ziel eine Viertelstunde früher als terminiert. Ich steige aus dem klimatisierten Sportwagen und eile die Stufen zum «Portale del Palazzo Y» empor. Den Umschlag, in welchem sich nebst einem «hochachtungsvoll» gehaltenen Schreiben eine CD-ROM mit den erwünschten Daten befindet, werfe ich sachte in jenen Briefkasten, der mit «Dr. lic. phil. Y, Unternehmer» beschriftet ist.

Unternehmer «Y» dürfte sich bereits vor einer guten Weile zur Ruhe gelegt haben und dem Schlaf der «Gerechten» nacheifern. Denn sein Erfolg hängt nicht zuletzt auch am dünnen Faden eines aristokratisch gepflegten Auftritts und einer sympathisch ausgeruhten Erscheinung, die wiederum seine Souveränität unterstreichen und bei der anvisierten Zielgruppe für Verlässlichkeit bürgen wird.

Zurück in meinem Wagen durchfährt mich – wie aus heiterem Himmel – ein Wort aus der Bibel, welches ich unlängst gelesen habe. «Liebe Brüder! Durch Christus wurde euch die Freiheit geschenkt. Das bedeutet aber nicht, dass ihr jetzt tun und lassen könnt, was ihr wollt. Nehmt vielmehr in gegenseitiger Liebe Rücksicht aufeinander. Denn das ganze Gesetz hat nur erfüllt, wer dieses eine Gebot befolgt: «Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.» (Galater 5, 13-14)

Diese biblischen Worte erfüllen den aufgeräumten Innenraum meines Coupés und lassen sich nicht in das Dunkel der Nacht hinaus rationalisieren. «Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.»

Ertappt! Wie erhaben habe ich mich noch vor wenigen Minuten in Anbetracht der düsteren Machtgelüste meines Mitmenschen «Y» gefühlt. Wie glücklich habe ich mich über mein selbstloses Sein geschätzt. Wie aufrichtig und makellos habe ich mich in meiner gepflegten Weste gefühlt. Gleich einem edlen Kreuzritter der Gegenwart habe ich mich mit 170 Pferdestärken zu später Stunde fortbewegt und den Feind auf dem Schlachtfeld meiner Gedanken moralisch in Kleinstteile zerstückelt.

Wem steht das Recht zu richten zu? Ich erinnere mich an die Worte Jesu in dessen Bergpredigt: «Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr jetzt andere verurteilt, werdet auch ihr verurteilt werden. Und mit dem Maßstab, den ihr an andere legt, wird man euch selbst messen.» (Matthäus 7, 1-2)

Ein störrisches «Aber» macht sich in den Hirnwindungen meines Hauptes breit. Bin ich es etwa, der sein Reich auf dem wackligen Grund der Kleingläubigkeit der Share Holder baut und sich schamlos profitgeil an deren Kapital zu schaffen macht? Nie und nimmer! Meine Kasse füllt sich im Schweisse meines Angesichts. Ehr und redlich verdiene ich mir meinen Zaster! Oder etwa nicht?

Die von mir so oft vorgetragene Rede des sich rechtfertigenden Alkoholikers verschafft sich im Inneren des Wagens ungebeten Platz. A uf die Frage seiner Frau, ob er in den letzten Stunden nicht bereits einige Bierchen zu viel in sich gekippt habe, antwortet dieser lallend: «Aber Inge, der Theo und der Ludwig, die haben bestimmt schon das Doppelte intus. Und die Isolde, die hat die Hucke schon längst voll. Hu kärs …»

Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss. Nichts wie nach Hause. Nach Hause und dotr wohlverdient ins warme, weiche Bettchen. Zu meiner Frau, mit der ich vor drei Tagen die letzten Worte gewechselt habe. Er folg hat seinen Preis – Wohlstand auch.

Erfolg – E. haben, ein Klassenschlager / erfolgreich sein, die Nase vorn haben, brillieren, glänzen, die Kurve kriegen (ugs. ), reüssieren, jmds. Weizen blüht, zum Handkuss kommen (schweiz. ), seinen Weg machen, es zu etwas bringen, etwas hat / zeitigt ein gutes Ergebnis, abräumen (ugs. ), etwas trägt Frucht / Früchte… (Quellenangabe: Duden Band 8, Sinn- und sachverwandte Wörter)

Bin ich erfolgreich? Die Bilanz, welche aus meiner Buchführung hervorgeht, sagt ja. Zu wessen Kosten und zu welchem Preis sagt sie indes nicht …

Wohlstand – gute Vermögensverhältnisse, hoher Lebensstandard (16. Jh. )… (Quellenangabe: Duden Band 7, Das Herkunftswörterbuch)

Ist mir tatsächlich wohl bei meinem Stand? Derzeit bestimmt nicht. Ich sitze und fühle mich müde, ausgelaugt, verbraucht, geschafft, strapaziert, benebelt. Die Frage nach dem «Wozu» drängt sich mir zwangsläufig auf. Und ich beginne vorsichtig damit, meine Verpflichtungen zu durchleuchten.

Welchen Preis bezahle ich (allmonatlich meiner Bank), um einige wenige Stunden des Tages in einer stilvoll eingerichteten Eigentumswohnung am rechten Zürichseeufer verweilen zu dürfen? Wie viele Schweizer Franken kostet mich der Unterhalt meines Sportcoupés? Welchen Mehrwert erziele ich aufgrund des Hugo Boss-Labels, der fein säuberlich aufgenäht meine Hose ziert? Fragen über Fragen!

Während ich zu Hause vorfahre und per Fernbedienung das elektrische Tor der Tiefgarage öffne, wandern meine Gedanken zurück zur Bergpredigt: «Niemand kann gleichzeitig zwei Herren dienen. Wer dem einenrichtig dienen will, wird sich um die Wünsche des anderen nicht kümmern können. Genauso wenig könnt ihr zur selben Zeit für Gott und das Geld leben.» (Matthäus 6, 24)

Welchem Herrn diene ich? Meinem himmlischen Vater, der selbst die Vögel versorgt? Jenem lebendigen Gott der Bibel, der mir das Leben geschenkt hat? Der seinen einzigen Sohn Jesus Christus zur Sühnung meiner Verfehlungen am Kreuz auf Golgatha sterben liess? Der mir als Alternative zur niemals endenden Verdammnis in der Hölle ein ewiges Leben in Frieden und Freude an seiner Seite im Himmel anbietet? Oder diene ich etwa vielmehr dem Mammon, dem Widersacher Gottes, dem «lieben» Geld, welches mir mein irdisches Dasein zu versüssen vorgaukelt?

Vor knapp 2000 Jahren hat Jesus Christus nachstehendes Statement abgegeben: «Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.» (Markus 10, 25; Luther Bibel, 1984)

Als erfolgsorientierter Mensch und junger Christ war mir gegebene Aussage über viele Monate hinweg ein stetig stechender Dorn im Herzen. Wie «um alles in der Welt» sollte demnach ein solch wohlbehüteter und im Überfluss herangewachsener Mitteleuropäer – wie ich einer bin – denn je einmal die Hürde ins Reich Gottes schaffen?

Erst vor wenigen Wochen vermochte ein guter Freund meine diesbezüglichen Zweifel zu «relativieren». Wie er zu berichten wusste, gab es zur Zeit Christi in den äusseren Stadtmauern von Jerusalem ein kleines Tor, welches «Nadelöhr» genannt wurde. Durch dieses fanden Händler und Reisende, die erst nach der abendlichen Schliessung der Haupttore Jerusalem erreichten, Einlass in die Stadt.

Besagtes Tor war indes so klein, dass die Passanten sich gezwungen sahen, die auf den Rücken ihrer Kamele transportierten Waren abzuladen. Ihr Hab und Gutmussten sie bis zur erneuten Öffnung der Haupttore am nächsten Morgen unbeaufsichtigt vor den Stadtmauern Jerusalems zurücklassen. Lediglich ihre wertvollen Tiere durften sie auf deren Läufen kauernd und kriechend durch die schmale Pforte zerren. Eine Aktion, die wiederum aufgrund des störrischen Verhaltens der müden und meist überforderten Kamele nur selten gelang.

Ich steige aus meinem Wagen, eile die Stufen zur Wohnungstür empor und trete in die warme Stube ein. Im Korridor brennt noch Licht, die Tür zum Schlafzimmer ist zu, meine Frau schläft, und ich stehe auf ein Neues vor meinem ganz persönlichen «Nadelöhr».

Bin ich hier und jetzt dazu bereit, meinen mir über all die Jahre erarbeiteten Besitz unbeaufsichtigt vor den Stadtmauern des Himmels zurückzulassen. K ann und werde ich mein stolzes und störrisches Ego brechen, um durch die Vergebung meiner Schuld durch Jesus Christus vor Gott würdig zu werden, auf dass er mir Einlass in die himmlische Stadt der niemals endenden Glückseligkeit gewähren möge?

Auch nach mehreren Jahren im Glauben und all jenen lebendig erfahrenen Beweisen der überwältigenden Grösse und Liebe meines himmlischen Vaters fällt mir dieses vergleichbar kleine Zugeständnis schwerer als erwartet. L oslassen istnicht jedermanns Sache. Die Erkenntnis einer schlechten Tugend als Schutzschild des Egos mit sich herumzuschleppen ist indes nicht nur dumm, sondern auch feige. Und dumm bin ich nicht! Aber Christ bleibt Mensch, und das Leben eine Herausforderung …

Jene oft zitierte Rede Jesu verschafft sich meiner Gehör: «Bittet Gott, und er wird euch geben! Sucht, und ihr werdet finden! Klopft an, dann wird euch die Tür geöffnet. Denn wer bittet, der wird bekommen. Wer sucht, der findet. Und wer anklopft, dem wird geöffnet.» (Matthäus 7, 7-8)

Bin ich fähig, zu bitten, willens, zu suchen, bereit, anzuklopfen? Und was werde ich empfangen? Was werde ich vorfinden? Und wem werde ich wohl gegenüber stehen?

Ich schliesse meine Augen, neige mein Haupt und falte meine Hände. «Himmlischer Vater, danke, dass du heute zu mir gesprochen hast. Wie unermesslich gross muss deine Liebe, Güte und Gnade sein, dass du dich meiner – trotz all meiner Schwächen und all meiner Verfehlungen – annimmst. Du, der du Himmel und Erde geschaffen hast. Dein Sohn Jesus Christus ist zur Sühnung der auf mir lastenden Schuld am Kreuz von Golgatha gestorben. Dar an glaube ich. Und so bitte ich nun aufrichtig: Herr Jesus Christus, verzeih mir hier und jetzt all meine Verfehlungen, meine Schuld und meinV ersagen. Ich baue darauf, dass du mir gnädig sein wir. sHtab Dank dafür. Noch heute vertraue ich dir die Führung meines Leben an. Begleite mich auf meinem weiteren Weg. Lass mich deinen Willen erkennen und danach handeln, damit auch ich deinen Vater «Abba» , lieber Vater, nennen darf. Amen.»


Der Autor

Phil Beckershoff

Phil Beckershoff

CH-Küsnacht bei Zürich

selbstständiger Kommunikationsberater

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