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Die IVCG

 
Ausgabe 01/01+12/00 

Das Jubiläum

 

 

An Jubiläen hat es in letzter Zeit nicht gefehlt. 700 Jahre Schweiz, 250 Jahre Goethes Geburt und Bachs Tod, 100 Jahre Nietzsche, 50 Jahre Israel, 10 Jahre wiedervereinigtes Deutschland aber rund 2000 Jahre seit der Geburt von Jesus aus Nazareth. Der Vatikan rief das Heilige Jahr aus, aber in den Medien waren zu diesem teilweise gar nicht richtig wahrgenommenen Jubiläum mehr kritische und distanzierte Stimmen zu vernehmen. Was hat es mit diesem Mann auf sich? Eine historische Fiktion, ein nachträgliches Hineindichten in die Person eines Mannes, der ohne den missionarischen Eifer des Paulus eine jüdische Lokalerscheinung geblieben wäre? Weit gefehlt!

Die Geschichtlichkeit von Jesus ist unbestritten. Es gibt keine Persönlichkeit aus dieser Zeit, über die so reiches biographisches Material vorliegt wie über Jesus. Auch nicht biblische Quellen belegen sein Leben und – was entscheidend ist – seine Auferstehung. Doch wenn wir ein historisches Ereignis und damit das Leben eines Menschen anlässlich eines runden Zeitabschnittes würdigen wollen, dann liegt es nahe, die erzielten Wirkungen zu beurteilen. Wie hat sich das Abendland, oder besser die Welt durch Jesus verändert? Damit sind nicht nur die beeindruckenden sakralen Kunstwerke gemeint, nicht Gemälde oder musikalische Schöpfungen bis in die Neuzeit, die das Leben Jesu als Inhalt haben, sondern: Wie sieht unsere alltägliche Welt heute aus? Was sind die Fundamente unserer Kultur und Zivilisation?

Unsere Kultur


Es ist sicherlich richtig, dass unsere Kultur vielfältigen Einflüssen ausgesetzt war. So z.B. ist der prägende Einfluss der Antike nicht wegzudenken, und doch entstand mit dem Leben von Jesus ein Bruch.  Ein entscheidender Bruch. Bestehende Weltbilder wurden umgekrempelt, damals und heute. Wir sind uns gar nicht im Klaren, dass dieser Bruch häufig als das Moderne in unserem Denken empfunden wird. Die Urheberschaft ist vielen nicht bekannt.

Als besonders modern wird die Toleranz angesehen. Ein härteres Toleranzgebot als seine Feinde zu lieben, ist kaum vorstellbar. Ein Novum in der damaligen Welt. Aber es geht nicht um eine moralische Toleranz, den anderen und damit sich selbst zu schonen, sondern um werbende, erfindungsreiche Liebe. Es ist modern, vermeintliche Tabus von Moral und Gesetzlichkeit in Frage zu stellen. Und auch hier sprechen wir nach, was Jesus angestossen hat. Wir meinen Urheber neuer, revolutionärer Gedanken zu sein. Doch bei genauerem Hinsehen besteht der Einfluss des christlich geprägten Menschen z.B. in der Politik und Wirtschaft darin, gerade die Regeln in Frage zu stellen, die üblicherweise die Politik und das Wirtschaftsleben bestimmen.

Was prägte Politik und Wirtschaft in der Zeit vor Jesus? Die Menschen hatten eine andere Vorstellung von der Würde des Menschen. Selbst in der Polis Griechenlands oder der Res Publica Roms. Von der Unterschiedlichkeit der Menschen leitete man eine unterschiedliche Würde ab. Sie machte sich fest am Stand und an der Herkunft. Der Sklave war etwas Selbstverständliches.

Im biblischen Bild sind alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Jeder, auch wenn er anders ist; auch der Behinderte, oder der, der die von der Gesellschaft erwartete Leistung nicht erbringen kann und auch die Frau.

Das Christentum wirkte wie ein Sprengsatz gegenüber den spätantiken Religionen und hat sie deshalb ablösen können. Wir nehmen die Menschenwürde heute als so selbstverständlich an, einfach als das moderne Weltbild.

Im biblischen Bild sind alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen.

Auch im christlichen Abendland bedurfte es eines langen und mühsamen Weges, bis sich diese biblische Erkenntnis der gleichen Würde trotz ungleicher Eigenschaften durchzusetzen begann. Aber abgesehen von den vielen Irrwegen, die mit einer Koppelung von kirchlicher und staatlicher Macht, beginnend etwa 400 Jahre nach Jesus, einherging, wurde und wird im Abendland der Neuzeit wieder dieses zentrale Rechtsgut der gleichen Würde ungleicher Menschen in Frage gestellt. Auf dem Altar der formalen Gleichheit z.B. in der Ideologie des Kommunismus wurde die Gleichwertigkeit geopfert. Die christliche Botschaft lehrt uns den Unterschied zwischen den Menschen, auch bezüglich der Rassen und Geschlechter, Begabungen und Leistungsmöglichkeit als etwas Wertvolles, ja Lebensnotwendiges zu begreifen. Doch trotz Ungleichheit ist jeder Mensch vor Gott gleich, und damit auch für uns. Die elementaren Menschenrechte, für die heute auf diplomatischem Parkett im Austausch für Grossaufträge gefeilscht wird, wäre ohne die fest verankerte Menschenwürde undenkbar. Das Abendland trägt im Diplomatengepäck einen zentralen Gedanken christlicher Botschaft in die Welt. Auch die sowjetischen Machthaber erkannten seinerzeit bei der Helsinkikonferenz die Gefahr für ihre Ideologie nicht, den Gedanken der Menschenrechte in die Schlussakte mit aufzunehmen. Es wirkte auch wie ein Sprengsatz. An ihm entzündete und rechtfertigte sich die Dissidentenbewegung, die nicht unwesentlich zum Untergang des gottfeindlichen Imperiums beitrug.

Die Menschenwürde bildet die Grundlage für ein weiteres Gut, das wir gerne als moderne Errungenschaft preisen: Die Freiheit. «Zur Freiheit hat euch Christus befreit», schreibt Paulus und meint damit vor allem die Freiheit von Zwängen, Abhängigkeiten und Süchten. Aber es geht auch um die wirtschaftliche und politische Freiheit und zwar für jeden. Wirtschaftliche Freiheit bedeutet selber verantwortlich für seinen Lebensunterhalt zu sein und damit auch über Eigentum verfügen zu können. Der Schutz des Eigentums ist schon im Alten Testament verankert, nicht nur mit dem Gebot «Du sollst nicht stehlen» oder des anderen Güter nicht zu begehren. Ein Beispiel ist Israels König Ahab (900 v.Chr.), der in Gilead verblutete, weil er die Ermordung des Weinbergbesitzers Naboth zugelassen hatte. Naboth wollte zuvor dem König sein Erbe nicht überlassen. Der Text lehrt uns: Auch ein Erbe ist vor staatlichem Zugriff geschützt. Es geht, wie es die Schweizer Verfassungsreformkommission 1977 formuliert hat, um «ein Bekenntnis zur Relativität aller staatlichen Macht.»

Paulus schreibt: «Zur Freiheit hat euch Christus befreit.»


Am Mächtigsten ist der Staat, wenn er religiöse und weltliche Macht verbindet. Wir kennen diese Verquickung aus allen Kulturen bis in die Neuzeit in der sich der «Führer» zwar nicht als Gott aber als verlängerter Arm göttlicher Vorsehung verstand. Die kommunistische Partei meinte, gleich selbst alle Wahrheit (russisch Prawda) zu verkörpern und mit Gewalt durchsetzen zu können. Der Staat eines Khomeini oder der Taliban sieht nicht anders aus. Welche Umwertung aller Werte, wenn Jesus darauf verwies, er sei die Wahrheit und gleichzeitig die Macht des Staates nicht in Frage stellte, allerdings begrenzte. Er ist die Wahrheit, weil er die Liebe Gottes verkörperte und lebte. Die weltliche Ordnung wollte er nicht zerstören noch zentralisieren, sondern ihr nur die angemessene Gewichtung verleihen. Über jedem Herrscher steht Gott, nicht als ferne Macht, als Gedankenkonstrukt oder Lückenbüsser für Unverstehbares, sondern als Herr. Wie tief hat dieses Gedankengut uns heute geprägt; die Frage, mit welcher Vollmacht auch staatliche Organe dies oder jenes tun dürfen. Es war die Feststellung von Jesus an seinen Richter Pilatus: «Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht von oben verliehen worden wäre.» Macht ist immer nur verliehene und niemals absolute Macht. Da wir nun meinen, Gott als Herrn über uns abschaffen zu können, geraten wir in Schwierigkeiten, wo denn die Grenzen der Macht und damit auch des Machbaren wirklich liegen. So macht sich der Mensch, wie in vorchristlicher Zeit, wieder zum Mass aller Dinge – und wird scheitern.

Begrenzte Macht bedeutet Freiheit und sie muss für jeden gelten. Auch der weniger Befähigte muss in der Lage sein, freie Entscheidungen fällen zu können. Die Solidarität mit solchen, sie nicht der wirtschaftlichen Not zu überlassen, dem Hunger und der Obdachlosigkeit preiszugeben, stellt ein Novum für die nichtchristlich geprägte Welt dar. Mohammed (570 – 632 n.Chr.) hatte zwar auch das Almosen vorgesehen, allerdings mit dem Ziel, das Paradies zu verdienen; die Maitri, Nächstenliebe im Hinduismus, um das Karma zu verbessern. Die in der christlichen Botschaft vertretene Nächstenliebe (griechisch: Agape) hat nicht den eigenen Standpunkt im Auge, sondern den des anderen. Wer auf den Lohn schielt, verwirkt ihn.

Aber sind die Menschen wirklich von lauterer Liebe geprägt? Konfuzius lehrte, der Mensch sei gut. In der Philosophie der europäischen Aufklärung wurde dieser Satz nachgesprochen, der Verhaltensforscher Konrad Lorenz bekräftigte ihn, die fernöstlichen Religionen verkünden den göttlichen Funken. Im Islam hat der Mensch sich nicht durch einen Sündenfall von Gott getrennt; nur die Bibel lehrt das Gegenteil: «Das Sinnen und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.» Diese letzte Erkenntnis führte zu einer sehr praktischen Überlegung. Die Schöpfer der Sozialen Marktwirtschaft, alles Menschen, die vom christlichen Glauben geprägt waren, wollten den egoistischen Trieb des Menschen nicht nur unter Kontrolle halten, sondern ihn zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen. Wer ist der bessere Kontrolleur, der Staat oder der Wettbewerber? Der Wettbewerber. Weil er nicht nur kontrolliert, sondern durch bessere Leistung die Allgemeinheit besser versorgen will. Der Kommunismus braucht keinen Wettbewerb, er geht, wie alle nichtbiblischen Religionen und Weltbilder, vom guten, dem sozialistischen Menschen aus. Er scheiterte – und zwar am Menschen.

Die Welt um uns erfährt durch das Christentum eine tragfähige Ordnung. Sie hat sich in der Geschichte bewährt. Sie scheiterte dort, wo sie verfremdet wurde. Ordnungen dürfen nicht vergöttert werden. Jesus zieht auch hier wieder deutliche Grenzen. Familie und Sippe, Arbeit und Wirtschaft, ja selbst die sozial gute Tat soll nicht zum Ersatz von Gott führen; Jesus hat auf ihre Verhältnismässigkeit und ihren wahren Stellenwert hingewiesen.

So vermittelt uns die biblische Botschaft nicht nur das heute als modern empfundene Verständnis von Menschenrechten und Freiheit, vom säkularen, aber solidarischen Staat, sondern vor allem unsere Verpflichtung zur Nächstenliebe, zur karitativen Handlung, die zu entsprechenden Einrichtungen und konkreten Hilfen führt. Es kommt jedoch nicht auf das äussere Befolgen von Regeln und Gesetzen an, sondern auf die Herzenshaltung.

Konfuzius


Dies alles ist Erbe der christlichen Botschaft, die leider verfälscht, umgemodelt und nicht ernst genommen wird. Nicht nur Kaufleute warnen vor zu hoher Steuerlast, auch die Bibel tut dies. So können wir feststellen, dass die Bibel handfeste und bewährte Ratschläge für das Leben auf diesem Planeten beinhaltet.

Aber Jesus war nicht ein Staatslehrer wie Konfuzius. Es ging ihm um viel mehr als um Staatswesen und prosperierende Wirtschaft. Es ging ihm um den einzelnen Menschen. Er erkennt ihn so, wie er ist: Verloren in der Suche nach materieller Sicherheit, heute zusätzlich in der atemlosen Hektik der Zeit.

Sigmund Freud


Die Psychotherapie soll helfen. Auf diesem Gebiet meinen wir besonders, nur auf Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts, vor allem seit Sigmund Freud zurückgreifen zu können. Vor einer Heilung sollte der Patient sich um Selbsterkenntnis bemühen, der Analyse von seinem Selbst. Aber der Gedanke ist nicht neu. Jesus hat gerade dies in wunderbarer Weise gelehrt. Selbsterkenntnis verbunden mit dem Aufgeben von Neid, Hochmut und dem Drang besser zu sein als andere. Sein zentrales Anliegen war, Gott zu vertrauen, statt sich in vergeblichen Sorgen zu verschleissen. Die intakte Beziehung zu Gott ist untrennbar mit der zu unseren Mitmenschen verbunden. Unsere moderne Erkenntnis lehrt uns auch, dass Identitätsprobleme nicht mit einer Nabelschau sondern am Gegenüber, am Du zu lösen sind. Insofern können wir wesentliche Grundzüge moderner psychotherapeutischer Behandlung den Ausführungen von Jesus entnehmen. Aber die Psychotherapie hat keine Antwort auf die Frage der Schuld. Es ist niemand da, der Schuld mitträgt, und es ist häufig die Schuld, die so entscheidend belastet. Doch Jesus bietet uns die Entlastung an. Immer wieder erfahren Menschen diese Befreiung. Die Psychotherapie hat auch keine Antwort auf den Tod, den hat nur Jesus Christus besiegt. Und dies erklärt auch die Wirkung von Jesus. Die Auferstehung von den Toten bildet das Zentrum unserer in allen Lebenslagen haltenden Hoffnung.

Schon viele Menschen wollten Götter sein ...


Er hatte nur drei Jahre Zeit, um zu lehren. Jesus schrieb keine Lehrbücher. Wie konnte er dann durch einige Gleichnisse und Reden die Welt so verändern? Das Unglaubliche liegt ja darin: Nichts ist überholt, es bildet die Grundlage des modernen Denkens und Empfindens.

Es kann eigentlich nicht anders sein, als wie es der römische Hauptmann bei der Kreuzigung feststellte: «Dieser ist wahrhaftig Gottes Sohn!»

Und was bedeutet das für uns? Durch Jesus findet der Mensch zu Gott zurück. Wenn wir über die Wirkungen des Lebens Jesu nach 2000 Jahren nachdenken, dann dürfte diese Erfahrung das Wichtigste sein.

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Wesentliche Gedanken dieses Beitrages sind entnommen aus dem Buch: Mehr als man glaubt – Christliche Fundamente in Recht, Wirtschaft und Gesellschaft von Klaus Berger, David Jaffin, Christoph Link, Wolfgang Schoberth, Bernd Wannenwetsch, Walter Dietz,  Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Werner Lachmann, Manfred Spieker, Roland Baader, Christa Meves, Andreas Püttmann; Gräfelfing 2000. ISBN 3-930030-76-1

Dieses Buch kann mit der Antwortkarte bestellt werden.

Die (in der pdf-Datei) stehende Karte kann bezogen werden bei IMAGE Grafik-Design GmbH, D-86899 Landsberg, Tel. 0 81 91/92 23 41.


Der Autor

Ingo Resch

Dr. Ingo Resch

D-Gräfelfing

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