

Der Begriff der Elite ist umstritten. In vielen Ohren klingt er anrüchig, weil er in der Vergangenheit für böse Zwecke missbraucht wurde. Wir denken an die Funktionärseliten in totalitären Staaten und ihre brutale Machtausübung. Eliten, so meinen manche, darf es in einer Demokratie eigentlich nicht geben, weil sie im Widerspruch zum Gleichheitsprinzip stehen. Doch soll der Begriff hier allgemeiner gefasst werden. In Anlehnung an die beiden bekannten Soziologen Max Weber und Vilfredo Pareto kann man Elite definieren als Minderheit in einer Gesellschaft, die einen (im Verhältnis zu ihrer eigenen Größe) überproportionalen, werteprägenden Einfluss ausübt. Nur bedingt ist Elite daher gleichzusetzen mit der Führungsschicht, mit herrschenden Kreisen, Establishment oder ähnlichen Begriffen.
Im Lauf unserer Geschichte hat es immer wieder solche Eliten gegeben. Eine Zeitlang gehörten zu ihnen im Mittelalter die gekrönten Herrscherhäuser und andere hochadlige Familien. Der einfache Bürger hatte Herzklopfen, wenn er einem Mitglied dieser Elite begegnete, und ihre Überzeugungen, ihre Denk- und Lebensweise wirkte sich in starkem Maß prägend auf das Verhalten der gesamten Bevölkerung aus. Heute stellen diese Herrscherhäuser längst keine prägende Elite mehr dar; denn viele der früheren Monarchien sind unwiderruflich zu Republiken geworden. Aber selbst in den Ländern, wo heute noch ein König oder eine Königin regiert, werden ihre Wertmaßstäbe oft nicht mehr als modellhaft und vorbildlich wahrgenommen. Dies hängt mitunter damit zusammen, dass auch solche Herrscherhäuser dem allgemeinen moralischen Werteverfall unterliegen und vielleicht das gleiche Ausmaß an Skandalgeschichten aufweisen wie die übrige Bevölkerung auch. Der Unterschied liegt dann nur noch darin, dass die Skandale aus gekrönten Familien in den Massenmedien genüsslich breitgetreten und dass solche Sensationsberichte leider von einem erstaunlich weit gespannten Publikum konsumiert werden.
Eine Zeitlang gab es die Elite der Gelehrten und Künstler. Ihr hohes Ansehen beruhte auf ihrer hervorragenden, manchmal genialen Begabung und Leistung. In der Zeit der Aufklärung und unmittelbar danach verkörperten gerade die Wissenschaftler den Geist der Vernunft, die nun – nach der Abkehr von einer mittelalterlich geprägten Volksfrömmigkeit – so hoch im Kurs stand, dass viele den Wert eines Menschen mit dem Grad seiner geistigen Bildung gleichsetzten. So ist historisch zu verstehen, dass man das deutsche Volk damals das Volk der Dichter und Denker nannte, obwohl sie natürlich nur eine Minderheit darstellten.
Zu dieser geistigen Elite konnte man allein durch Leistung aufsteigen. Bekannt ist in diesem Zusammenhang das großartige Beispiel des Mathematikers Carl Friedrich Gauß (1777-1855). Er stammte aus einer einfachen niedersächsischen Familie, fiel aber schon vor seiner Einschulung durch seine ungewöhnliche mathematische Begabung auf und machte eine glänzende Universitätskarriere. Auf Grund seiner vielen genialen Forschungsleistungen wurde er bereits zu Lebzeiten einer der berühmtesten Mathematiker der Welt. Wie Gauß haben auch andere Gelehrte und Künstler durch ihre Biographie das Vorurteil widerlegt, wonach der Aufstieg im Bildungswesen angeblich nur Angehörigen der Oberschicht vorbehalten ist. Spätestens im 20. Jahrhundert ging jedoch der prägende Einfluss dieser Elite stark zurück. Denn einerseits war nun der Zeitgeist weit mehr von Gefühlen geprägt als von rationalen, objektiven Erkenntnissen, und andererseits ging das Ansehen der Wissenschaftler und Künstler, in ihrer Gesamtheit betrachtet, auch deshalb zurück, weil jede Münze an Kaufkraft verliert, wenn allzu viele Exemplare von ihr im Umlauf sind.
In der Zeit des deutschen Kaiserreiches spielte die Elite der Generäle eine führende Rolle. Der Wert eines Mannes wurde weitgehend danach bestimmt, welchen militärischen Rang er erreicht, an welchen Schlachten er teilgenommen hatte und mit welchen Orden er dekoriert worden war. So stellt Carl Zuckmayer in seinem Drama «Der Hauptmann von Köpenick» mit berechtigter Ironie dar, wie ein aus dem Gefängnis Entlassener keine Anstellung als Hilfsarbeiter findet, weil ihm das Manko anhaftet, nie beim Militär gewesen zu sein.
Vom Militärdienst träumten viele Jugendliche mit Begeisterung. Ungeduldig erwarteten sie den Tag, an dem sie endlich die Soldaten-Uniform anziehen und dadurch in ihrer Selbstachtung einen gewaltigen Sprung nach oben machen konnten. Im Staat zählten die Stimmen der Generäle, wo immer sie sich meldeten.
Wohl keine ehemalige Elite ist in Deutschland so stark in Ungnade gefallen wie die militärische. Besonders die pazifistische Stimmungsmache der achtziger Jahre – auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – brachte die öffentliche Meinung stark gegen die Bundeswehr und alles Militärische auf. Seither sind unsere Soldaten der einzige Personenkreis, der laut Gerichtsurteil ungestraft pauschal als Mörder diffamiert werden darf. So stark schlägt das Pendel der Elitenbildung mitunter von einem Extrem in das andere um.
Im Frühstadium der Industrialisierung entwickelte sich der Stand der Unternehmer. Sie kamen oft aus dem wohlhabenden Handwerk und zeichneten sich durch besondere wirtschaftliche Begabung aus, mit der sie große Fabriken aufbauten und Tausenden Arbeitsplätze gaben. Eine Zeit lang bildeten sie zusammen mit den großen Bankiers eine einflussreiche Geld-Elite. Doch gerieten sie später in Misskredit, als von den linken Ideologien das Feindbild des angeblich immer bösen, ausbeuterischen Kapitalisten propagiert wurde. Und obwohl heute im Zeichen der Globalisierung wieder neu über die Begrenzung der Macht von Unternehmen und Banken nachgedacht wird, ist der Einfluss ihrer führenden Vertreter auf Denken und Handeln der Gesellschaft zu gering geworden, als dass man sie noch eine prägende Elite nennen könnte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die Elite der politischen Mandatsträger.
In Regierungen und Parlamenten des damals noch jungen Staates saßen einige Tausend Männer und Frauen, die durch den Prozess demokratischer Wahlen in Positionen leitender Verantwortung gelangt waren. Dies setzte zwar weder adlige Herkunft noch hohe geistige Begabung voraus, wohl aber eine Reihe anderer Eigenschaften. Dazu gehören telegenes Aussehen, gewandtes Auftreten, gesellschaftliche Kontaktfähigkeit, psychische und körperliche Strapazierfähigkeit und nicht zuletzt die Kunst, brilliant zu reden und auf Zwischenrufe in Sekundenschnelle schlagfertig zu antworten.
Zunächst besaßen diese Politiker einen prägenden Einfluss. Gerade die prominentesten unter ihnen galten oft auch als moralische Vorbilder, sowohl im öffentlichen wie im Privatleben einschließlich Ehe und Familie. Man schätzte an ihnen insbesondere die finanzielle Bescheidenheit und die Selbstlosigkeit ihres Einsatzes für das Gemeinwohl.
Heute jedoch ist diese prägende Vorbild- Funktion weithin verloren gegangen. Fast scheint es manchmal so, als ob Regierungsmitglieder und Mandatsträger nicht nur vom allgemeinen Sittenverfall mit betroffen sind, sondern dass sie darin jetzt sogar, statistisch gesehen, eine gewisse Spitzenstellung einnehmen. Unter dem daraus entstandenen Ansehensverlust haben natürlich auch diejenigen Politiker mit zu leiden, die nach wie vor Integrität und Opferbereitschaft praktizieren.
Wo sind also in unserer heutigen Gesellschaft noch prägende Eliten? Sind es die Spitzensportler? Da Sportarten wie Fußball, Tennis und Boxen heute die eigentliche Massenreligion darstellen – mit einem Kult, der Millionen von Anhängern fasziniert und emotionalisiert – haben die Hauptakteure des Sports natürlich einen besonders hohen Bekanntheitsgrad. Leider geht von einzelnen Mitgliedern dieser Gruppe oft ein eher negativer Einfluss aus. Wer schon nicht ihre sportlichen Leistungen nachahmen kann, der versucht es womöglich dann im Hinblick auf ihren ausschweifenden Lebensstil. Ähnliches lässt sich über die führenden Kräfte der Medienwelt und der Unterhaltungsbranche sagen.
Nicht einmal die religiösen Institutionen erfüllen in ihrem heutigen Erscheinungsbild die Funktion einer Elite. Dies mag daran liegen, dass sie mit den Wertvorstellungen, die sie vertreten, oft nur noch einen kleinen Prozentsatz der eigenen Mitglieder erreichen und prägen können, von der übrigen Bevölkerung ganz zu schweigen.
Offensichtlich gibt es in unserer heutigen Gesellschaft also keine echte Elite mehr. Doch zeigt die historische Erfahrung, dass dieser Zustand auf Dauer die Gefahr des Untergangs in sich birgt. Denn wo es keine aufbauenden, wertebildenden Eliten mehr gibt, da sucht ein Volk sich negative, destruktive Vorbilder, die ins Chaos führen. Wenn nämlich die Werte, die ein Volk einmal begründet und motiviert haben, nicht ständig von innen her neu belebt werden, und darin würde ja die Hauptaufgabe einer Elite bestehen, dann sind auf längere Sicht die Folgen sittlicher Niedergang, Zerfall der Familie, Egoismus und Verweichlichung. Schließlich stirbt eine solche Gesellschaft bei sinkender Kinderzahl aus. In ihrer Endphase, wenn das Gelände bereits weitgehend von einströmenden Massen aus anderen, vitaleren Kulturen besiedelt ist, pflegen blutige Konflikte einzutreten wie einst beim Fall des alten Rom oder jüngst im Kosovo.
In manchen Ländern der Erde ist dieser Prozess bereits weit fortgeschritten. Dort haben Polizei und Behörden bereits die Kontrolle über Teile des Landes und der Gesellschaft verloren, wo der organisierte oder spontane Terror herrscht. Dann gibt es für den einzelnen Bürger praktisch nirgends mehr Sicherheit vor kriminellen Übergriffen, zumal auch Gerichtsbarkeit und Regierung in solchen Ländern durch Korruption und Schreibtisch-Verbrechen gelähmt sind. Für ein Land wie Deutschland ist dieser Zustand erfreulicherweise noch nicht eingetreten; doch dürfte er innerhalb weniger Jahrzehnte hereinbrechen, wenn nicht zuvor durch eine neue Elite eine reinigende Heilung, eine Umkehr nach dem gegenwärtigen Werteverfall geschieht.
Woher aber sollte eine solche Elite kommen? Durch bloße Appelle an Idealismus lässt sie sich gewiss nicht hervorbringen, nicht einmal durch breit angelegte Bemühungen im Schulwesen zur Rückbesinnung auf ethische Grundwerte, so begrüßenswert sie auch sind. Denn die Erfahrung zeigt, dass solche Schritte den Menschen nicht tief genug verändern, nicht einmal dann, wenn er ihrer Zielsetzung rational zustimmt. Ein verloren gegangenes Wertbewusstsein lässt sich auch nicht politisch, sozusagen auf dem Verordnungsweg, wieder einführen. Notwendig ist dazu eine neue Elite, die diese Werte so radikal und in mitreißender, ansteckend wirkender Vollmacht vorlebt, dass dadurch der verderbliche Trend des gegenwärtigen Zeitgeistes gebrochen wird.
Die Antwort mag für manche überraschend sein: Im 1. Jahrhundert kam jemand, um eine kleine Minderheit um sich zu sammeln, die jedoch das «Salz der Erde» werden sollte, also dasjenige Element, das die gesamte Gesellschaft vor Fäulnis und Niedergang bewahrt. Gemeint ist Jesus Christus mit seiner Einladung zur Versöhnung mit Gott und radikaler, das ganze Leben verändernder Nachfolge. Er gründete keine Massen-Institution, sondern eine Gemeinschaft von solchen Menschen, die sich ihm vorbehaltlos anvertrauten.
Christ wird man daher nicht durch die formale Zugehörigkeit zu einer religiösen Institution, sondern durch die bewusste Auslieferung des eigenen Lebens an Jesus Christus. Sein Tod und seine Auferstehung haben den Sinn, dekadente Menschen aus dem Sumpf ihrer Verlorenheit zu befreien, sofern sie ihn bewusst im Glauben annehmen. Die Zugehörigkeit zu dieser Schar ist weder mit politischer Macht noch mit Titeln, Orden oder Medaillen verbunden, noch bringt sie finanzielle oder andere materielle Vorteile. Dennoch erfüllt sie genau die Merkmale einer Elite, von denen zu Beginn die Rede war: Sie ist eine Minderheit mit einem starken, überproportionalen, positiven, Werte prägenden Einfluss in der Gesellschaft. Sie setzt sich aus Menschen ganz unterschiedlicher sozialer oder religiöser Herkunft zusammen, aus den verschiedensten Bildungsschichten und mit den verschiedenartigsten Charaktertypen.
Diese Elite besitzt keine eigenen Machtmittel, und sie soll zur Verbreitung ihres Glaubens auch niemals Macht einsetzen. Sie ist noch nicht einmal zentral organisiert, sondern weit verzweigt; ihr Zusammenhalt wird vom Geist Gottes hergestellt, der sie erfüllt. Aber trotz dieser Machtlosigkeit hatte die Schar der Christus-Nachfolger im Lauf der Geschichte einen hohen Einfluss. Ihr Vorbild an tätiger Nächsten- und Feindesliebe, ihr opferbereiter Einsatz für die Sache Gottes veränderte vieles in der Gesellschaft. Europa und die westliche Zivilisation wären ohne diesen Einfluss nie zu ihrer späteren Blüte gelangt. Allerdings setzt der Fortbestand dieser Zivilisation voraus, dass der Anteil des «Salzes» an der Gesamtmenge einen gewissen Schwellenwert nicht unterschreitet.
Die Zukunft unserer Gesellschaft wird sich also daran entscheiden, ob diese Elite, die heute stark geschrumpft ist, demnächst wieder wächst und ob genügend viele Verantwortungsträger zu der Quelle des Glaubens, zu Jesus Christus zurückkehren.
Der Einsatz für die Sache Jesu Christi erfordert ganze Hingabe, manchmal Verzicht und Opfer. Und doch findet jeder von uns, der dieses neue Leben wagt, in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott die höchste Geborgenheit und Sinnerfüllung. Er findet das Leben, das sogar über den Tod hinaus geht und seine Fortsetzung in jener ewigen Welt findet, wo Gott die Elite der Erlösten um sich scharen wird. Es lohnt sich, dabei zu sein!