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Die IVCG

 
Ausgabe 04/99 

Macht der Medien

 

Führungskräfte sind oft «auf Achse». Das war schon immer so - sogar schon vor fast 2000 Jahren. Deshalb nutzten Führungskräfte die unterschiedlichen Medien mehr als der sogenannte «Otto-Normal- Bürger». Wie folgendes Exemplar einer Führungskraft: Jung, dynamisch, erfolgreich und reich. Letzteres nehme ich einfach an, denn das Reiseandenken, das er sich vom Besuch im Ausland mitbringt, ist nicht gerade billig. Ein Stück Bibel hat er sich gekauft, genauer gesagt eine handgeschriebene Jesajarolle.

Handgearbeitet und entsprechend teuer. Ich weiss, früher musste sich der Geschäftsreisende eine Bibel selbst kaufen. Heute findet er sie, verteilt von der internationalen Organisation «Die Gideons», fast in jedem guten Hotelzimmer. Eigentlich sind Bücher dazu da, ins Regal gestellt zu werden; aber da auf Reisen selten Möbelstücke mit dabei sind, nimmt unser Freund eben das gute Stück zur Hand, um zum Zeitvertreib ein wenig darin zu lesen.

Es muss schon etwas merkwürdig ausgesehen haben: Ein schöner Wagen, Kamele davor, Dienstboten laufen herum - und oben auf dem Wagen sitzt der Chef, Abessiniens Finanzminister, und liest laut, inbrünstig und auf Hebräisch aus Jesaja (und zwar deshalb, weil die Menschen damals nur laut lasen und nicht leise). So findet ihn der Evangelist Philippus, geht auf ihn zu und stellt ihm jene berühmte Frage, die noch heute im Mediengeschäft die Frage aller Fragen ist: «Verstehst Du, was Du liest?» Der Finanzmann antwortete: «Wie kann ich verstehen, wenn mich niemand anleitet?» Philippus half dem Mann. Im achten Kapitel der Apostelgeschichte lesen wir, wie die Geschichte ihr «Happy End» findet. Der Mann hörte das Evangelium von Jesus und glaubte von ganzem Herzen, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.

Die Führungskräfte und die Medien - eine uralte und immer noch aktuelle Geschichte. Und die Frage: «Versteht Du, was Du liest», ist in einer Zeit der absoluten Information geradezu heilsnotwendig, um nicht den Überblick zu verlieren. Denn, wer die Medien in sein Blickfeld holt, setzt sich automatisch den verschiedenen Möglichkeiten der Manipulation duch die Medien, vor allem aber der Medienmacher, aus.

Sieben Stunden pro Tag verbringen Menschen in Deutschland durchschnittlich mit Medienkonsum, hat das Nürnberger Meinungsforschungsinstitut GfK im vergangenen Jahr festgestellt. Davon entfallen 195 Minuten auf das Fernsehen, 175 Minuten auf das Radiohören und 30 Minuten auf das Zeitunglesen. Hinzu kommen Videos (4 Minuten), Musikhören (14 Minuten), Zeitschriften (11 Minuten), Bücher (15 Minuten) und Arbeit mit dem Computer (6 Minuten). Wohlgemerkt: Dies sind Durchschnittszahlen. Die Hausfrau, die den ganzen Tag über passiv oder aktiv fernsieht, der Geschäftsreisende oder Urlauber, der während der Autofahrt ständig das Autoradio eingeschaltet hat oder der Teenager, der nach der Schule drei Stunden lang Musik hört, beeinflussen dieses Ergebnis ebenso wie der, der sich auf das Überfliegen einer Zeitschrift beschränkt. Alles in allem ist die hohe Zahl erstaunlich. Medien bestimmen unser Leben - und niemand schafft es, sich dauerhaft und nachhaltig allen Medien zu verweigern. Und es ist auch ein gutes Gefühl, sich rundum informiert zu wissen. Denn die immer grösser und komplexer werdende Welt, die aber aufgrund der ständig neu hinzukommenden Kommunikationsmittel kleiner wird, ruft geradezu nach Hilfsmitteln, die die Komplexität der Welt und ihrer Probleme aufzulösen helfen.

Für die schnelle Information ist das Radio die beste Informationsquelle, das Fernsehen zeigt Bilder und vertieft die Eindrücke und am nächsten Tag stehen die Hintergründe in der Zeitung. Und doch verwirrt die Flut der Information nicht selten. Oft fühlen wir uns durch die Medienmacher ganz offensichtlich manipuliert. Zum Beispiel in politischen Sendungen, wo je nach Standort vergleichsweise einseitig berichtet wird. Manipulation gibt es nicht allein in der politischen Berichterstattung. Die Auswahl der Sendungen zeigt oft schon, wes Geistes Kind die Programmverantwortlichen sind. Wenn in Talkshows die abwegigsten Themen («Ich hatte Sex mit meinem Hamster», oder so ähnlich) einem zunehmend auch jugendlichen Publikum zugänglich gemacht werden, brauchen sich Mutter und Vater nicht mehr um die sexuelle Aufklärung des Nachwuchses zu kümmern.

Das Fernsehen macht das schon, aber oft in bewusst perverser Form. Kinder sind überhaupt empfänglich für die unterschwelligen Botschaften. Sie sind ihnen hilflos ausgeliefert. Gerade hier setzen die Medien mit ihren Programminhalten oft an. In den Bereichen Erziehung, Familie, Sexualität, soziales Verhalten, Schule, Studium und Beruf versucht man über gezielt angelegte Sendungen zu beeinflussen. Wenn zum Beispiel die jugendlichen Helden in den täglichen oder wöchentlichen Seifenopern zum Thema vorehelicher Geschlechtsverkehr nichts anderes zu sagen haben als «schütze dich vor Krankheiten und alles andere ist okay», dann ist das eben nicht okay. Diese Dinge, und gar nicht einmal unbedingt irgendwelche nackten Erotikstreifen um Mitternacht, prägen (und verderben) die jugendlichen Gemüter. Ist das nun Prinzip oder geht es den Programmverantwortlichen und -machern um Einschaltquoten?

Trotzdem ist es keine Lösung (nicht für die Allgemeinheit), einfach auf das Fernsehen zu verzichten. Es gilt die alte Weisheit: Allein die Dosis macht das Gift. Es kommt auf den verantwortlichen Umgang mit dem Fernsehen an. Schöne Filme unterhalten, Nachrichten informieren und Reportagen lassen uns am Geschehen teilhaben. Und es gibt den Abschaltknopf. Ich muss mir schlechte Sendungen nicht anschauen, sondern kann mir gute Sachen aussuchen. Es gibt aber natürlich auch Süchtige. Nicht allein Alkohol, Drogen und Zigaretten können abhängig machen, sondern auch das Fernsehen. Das mag abwegig klingen, aber es stimmt. Fernsehsüchtige haben immer das Fernsehgerät eingeschaltet, auch wenn Sie gar nicht hinschauen. Sie lassen die Glotze «warmlaufen», schauen alle paar Minuten mal hinein und bekommen vom eigentlichen Programminhalt doch nichts mit. Doch ab dem späten Nachmittag beginnt der eigentliche «Fernsehtag». Ab dann wird alles gesehen, was kommt. Ist man erst einmal fernsehsüchtig, dann hilft nur der (zumindest zeitweilige) Verzicht auf dieses faszinierende Medium.

Mit anderen Medien ist es ähnlich. Ich selbst bestimme, was ich konsumiere und was nicht. Deswegen sind Medien zunächst auch nicht schlecht, sondern neutral. Es ist wie bei einer Bahnhofsbuchhandlung. Dort bekomme ich «Die Welt am Sonntag», «Die Welt», die «Neue Zürcher Zeitung» und die «Bild»; ich bekomme aber auch den «Playboy». Wir müssen festhalten, dass es verschiedene Programme und Programmangebote gibt, genauso wie es unterschiedliche Zeitungen, Zeitschriften und Bücher gibt. Welchen Quellen, welchen Informationen - und das heisst zugleich, welchen Manipulationen - welchen Beeinflussungen und Beinflussern setze ich mich aus? Es gibt zu viele Propheten des Pessimismus. Was wir aber brauchen sind Propheten des Optimismus, so hat es einmal der ehemalige, deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, im Blick auf die Medien gesagt. Dass der Grauschleier über unserer Gesellschaft endlich gelüftet und «Familie Düstermann» (Financial Times) ins Licht (und nicht hinters Licht) geführt wird, ist dringend. Sind wir Journalisten vielleicht Propheten von gestern? Oder ist das, was der Prophet Jesaja vor 2700 Jahren geschrieben hat, also in einer Zeit, in die wir uns innerlich gar nicht mehr versetzen können, mehr denn je für heute?

Ein interessanter Gedanke: Er ist nicht neu. Schriftsteller als Propheten, so sieht es P.K. Kurz «Heinrich Heines Auffassung vom Dichterberuf» (München 1967). Heute hielten die Informationsmedien «die mögliche Stelle des Propheten besetzt». Was ist ein Prophet? Im Alten Testament begegnet er uns als auserwählte, berufene Person, die als Sprachrohr Gottes fungiert. Er hat Gottes Botschaft unbeirrt, unverfälscht und nicht manipuliert weiterzugeben. Ganz gleich, ob seine Hörer beziehungsweise Leser wie Abessiniens Finanzminister oder wir, sie annehmen wollen oder nicht. Konfrontation mit der Waffe des Wortes. Die Gerichtspredigt des Jesaja, die der Finanzminister damals las und die bis heute von ihrer Aktualität nichts verloren oder eingebüsst hat, ist keine Gardinenpredigt, sie gilt uns heute genauso. Die Gerichtspredigt der biblischen und von Gott beauftragten und legitimierten Propheten geisselt Korruption, Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit, Gleichgültigkeit und Götzendienst. Sie deckt aber auch die Hintergründe des politischen Zeitgeschehens auf: Warum straft Gott - und was ist zur Rettung zu tun? Beides gehört zusammen. Deshalb ist Prophetie, deshalb ist das, was in der Bibel, also im Alten und Neuen Testament steht, keine mitleidlose Gardinenpredigt oder wie auch immer wieder behauptet wird, «herzlose Besserwisserei», sondern Ruf zur Umkehr zu Gott und seinen Geboten. Sie ist nicht nur Vorhersage zukünftiger Ereignisse, sondern Aktualisierung der Botschaft Gottes in konkrete, politische, persönliche, wirtschaftliche und familiäre Situationen.

Die Propheten und nicht nur sie, sondern die ganze Bibel sagt uns, was Gott von uns heute und jetzt erwartet. Durch ihren Ausblick in die Zukunft und ihren Rückblick in die Vergangenheit erschliesst uns die Bibel wie kein anderes «Medium» den Einblick in unsere Gegenwart. Nur, wir müssen uns dieser Standortbestimmung des einzigen «Mediums», das von sich behaupten kann, das es die Wahrheit sagt, aussetzen und uns korrigieren lassen. Der langjährige deutsche Bundeskanzler, Helmut Kohl, mahnte im Februar 1997, in einem Aufsatz zum Jubiläum einer Zeitung folgendes an: «Eine Zeitung muss auch mit klaren, präzisen Aussagen über den Glauben, seinen Inhalt und seine Bedeutung für das praktische Leben informieren.» «Glaube», so schreibt Kohl weiter in dem Aufsatz, bedeute nicht Ablenkung von den Herausforderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. So bilden für Helmut Kohl die Bindung an Gott und die Verantwortung in der Welt eine unauflösliche Einheit.

Das ist genau das, was die Bibel sagt. Nicht nur im kirchlichen Raum, sondern auch in der Gemeinschaft der Bürger - in der Familie, im Büro, in der Wirtschaft und Industrie, in Wissenschaft, Forschung, Medien und Politik steht der Mensch in der Verantwortung vor Gott. Spätestens seit dem Ende des 2. Weltkrieges und dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa, ist der Wahn, staatliche, menschliche oder durch die Medien verliehene Macht, könne den Menschen erlösen, als Wahn entlarvt. Umgekehrt erhebt keine ernsthafte Gruppierung bei uns den Anspruch, das Land mit dem Evangelium zu regieren. Aber natürlich weiss jeder, in welcher Position oder Verantwortung auch immer, um den gemeinsamen Auftrag zur Weltverantwortung in getrennten Rollen. Deshalb nehmen Führungspersönlichkeiten, die bewusst als Christen leben und arbeiten wollen, eine besondere Verantwortung wahr, indem sie auf die drängenden Fragen der Menschen Antworten aus dem Glauben geben. Das ist dem abessinischen Finanzminister beim Studieren der Jesajarolle klar und einsichtig geworden. Ihm wurde das, was durch die Medien vermittelt wurde, zu einem Spiegel, der ihn zur Korrektur gerufen hat. An jeden einzelnen von uns ist die Frage gestellt, wie wir uns den Medien im allgemeinen aussetzen und welchen Herrschaftsbereich sie über uns einnehmen. Je klarer die Führungspersönlichkeit - in welcher Verantwortung auch immer - in der Bindung an Gottes Wort steht, um so überzeugender und prägender werden die gesellschaftlichen und letztlich auch die politischen und wirtschaftlichen Wirkungen sein.

Sicher, wir alle leben in einer sogenannt «pluralistischen Gesellschaft». Und gerade diese Gesellschaft ist aufgrund der vorhandenen Kommunikationsmittel und Kommunikationswege ganz bestimmten «Gesetzen» und Ordnungen unterworfen. Trotzdem habe ich die Möglichkeit, dass ich diesem Kommunikationszwang, dem ich mich selbst ausgeliefert habe, gegensteuere. Dazu brauche ich aber eine andere Bindung. Und die beschreibt der Prophet Jesaja an einer Stelle so: «Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.» Und nicht nur Finanzminister der damaligen Zeit werden von Gottes Wort angesprochen, sondern auch Menschen, die heute in Verantwortung stehen, auch Medienmacher. Ich denke zum Beispiel an einen der erfolgreichsten Verleger in Deutschland. Mit 19 Jahren machte sich Norman Rentrop selbständig, am Anfang half die Mutter zu Hause mit. Heute ist er mit Ratgebertiteln («Der Redenberater», etc.) und Fachbüchern führend auf dem Markt. Wie wurde er Christ? Rentrop fand in einem Hotel eine Gideonbibel, las darin und fand Gottes Wort spannend. Als 1993 Billy Graham von Essen aus mit der Evangelisation «Pro Christ» per Satellit Hunderttausenden das Evangelium verkündete, ging Rentrop nicht nur hin, sondern auch nach vorn, zum Redner. Er übergab sein Leben Jesus Christus. Vor christlichen Führungskräften berichtete er kürzlich seine Bekehrungsgeschichte. Heute engagiert er sich dafür, die christliche Botschaft in die Medien zu bringen. In einer Zeit, in der die Medien nur über das Begehrendste, Schönste, Grösste, Beste, Schlechteste oder Erstmalige berichten, ist dies eine schwere, aber wichtige Aufgabe. Wenn Journalisten ihr Anliegen professionell vermitteln können und die Konsumenten wirklich verstehen, was sie lesen (oder hören und sehen), dann kann es vielen so gehen, wie dem eingangs beschriebenen, neutestamentlichen Kämmerer aus dem Morgenland.

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Weitere Artikel siehe onlineARCHIV im Internet unter www.ivcg.org


Der Autor

Wolfgang Baake

Wolfgang Baake

D-Wetzlar

Politjournalist, Leiter der christlichen Medien-Akademie

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