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In der Leistungsgesellschaft wird das unerbittliche, darwinistische Prinzip von Auslese und Mutation ökonomisch umbenannt zu Konkurrenz- und Leistungsfähigkeit. Folgen dieser Entwicklung lassen sich an einigen Zahlen und Fakten, wahllos der Tagespresse entnommen, zeigen: 14% der Erwachsenen in den Industrienationen sind psychisch schwer krank. Topmanagern schlägt ihr Job auf die Psyche; doch ihr Leiden ist tabu. Die Scheidungsraten Europas sind hoch.
Wir leben in einer postmodernen Leistungsgesellschaft und unternehmen alles, um glücklich zu sein. Und wer viel leistet wird glücklich, so meinen wir. Sind Sie ein Leistungsmensch? Sind Sie glücklich? Was, wenn wir zum Schluss kommen, dass Leistung nicht glücklich macht?
Die Entwicklung zur Leistungsgesellschaft nahm ihren Anfang im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, im 16. und 17. Jahrhundert. Im wesentlichen führten folgende Elemente dazu:
Das dominierende Leistungsprinzip und die prägenden, ökonomischen Werte führten bis heute zu einer immer mehr um sich greifenden Instrumentalisierung und Ökonomisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Beziehungen zwischen Menschen werden Ende des 20. Jahrhunderts durch den Austausch von materiellen und immateriellen Gütern geprägt. Besonders deutlich wird diese Hinwendung zum reinen Leistungsprinzip in der Arbeitswelt. Die Angestellten werden heute wie jede andere Ressource z.B. unter Berufung auf globale Sachzwänge, Shareholder Value und unumgängliche Fusionen disponiert, freigestellt oder flexibilisiert. Der Angestellte als Teil der «Unternehmensfamilie» wird damit - fast unerkannt - zum gesichtslosen Lieferanten der Ressource Arbeit. Der Sinn der Arbeit wird immer mehr durch das definiert, was man im Gegenzug für sie erhält und immer weniger dadurch, dass man eine gemeinsame Vision oder Aufgabe erfüllt. In Übereinstimmung mit der zunehmenden Individualisierung und Unverbindlichkeit der Mitglieder unserer Gesellschaft wird Engagement und Einsatzwillen individuell spezifisch erkauft. Das schafft bedeutend weniger Verbindlichkeit. Weitere Belege für die Ökonomisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen finden sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Zum Beispiel in Alters-, Pflege- und Tagesheimen (Verursacherprinzip statt Fürsorge), in Kultur- und Sportinstitutionen (Selbstdarstellung der Sponsoren statt Mäzenatentum), in Universitäten (Bildung als nützliches statt öffentliches Gut), im politisch-administrativen System (Standortkonkurrenz und New Public Management) und selbst in Partnerschaften (Bedürfnisbefriedigung statt Liebe). Die Reduktion zwischenmenschlicher Beziehungen auf den ökonomischen Austausch prägt Menschen. Beziehungen werden zu Verträgen zwischen Individuen im Hinblick auf die Erfüllung bestimmter, individueller Interessen. Das Interesse am Andern beschränkt sich auf seinen Nutzen. Beziehungen werden nach Kosten/Nutzen beurteilt. Der Wert eines Menschen richtet sich dann nur noch an seinem «Marktwert». Darum führen Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung - trotz ausreichend finanzieller Absicherung - in eine tiefe Existenzangst und Sinnkrise. Was bleibt ist das Gefühls der Wertlosigkeit. Die Leistungsgesellschaft benennt das unerbittliche, darwinistische Prinzip von Auslese und Mutation um in Konkurrenz- und Leistungsfähigkeit.
Wollen wir eine Gesellschaft, die durch die dargestellten Merkmale gekennzeichnet ist? Müssen wir diese Entwicklungen als unvermeidbar hinnehmen, erdulden und erleiden? Gibt es naturgesetzähnliche Mechanismen, die jegliche Alternative verunmöglichen? Können wir angesichts der postmodernen Leistungsgesellschaft nur entweder mitmachen oder als Aussteiger unser Dasein fristen? Sind wir dem Megatrend hilflos ausgeliefert? Es scheint so, weil das Leistungsprinzip - und damit die Ökonomisierung der Beziehungen - zunehmend alle Bereiche unseres Lebens bestimmt. Nicht nur in den westlichen Industrienationen; die ökonomischen Grundannahmen, Werte, Deutungs- und Handlungsmuster - also die «ökonomische Kultur» - prägt weltweit alle anderen Vorstellungen und Kulturen. Erklärt wird diese Entwicklung mit der Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Die weltwirtschaftliche Situation wird zum Sachzwang in allen Nationen. Ungeachtet kultureller Unterschiede wird gleichartiges, kollektives und individuelles Handeln erzwungen. Wirtschaftliche Zwänge bilden wie Naturgesetze unsere Wirklichkeit, in der nur bestimmte Denk- und Handlungsweisen möglich und sinnvoll erscheinen. Diese Wirklichkeit wirkt vor allem auch aufgrund ihrer Dominanz und Globalität als unveränderbar und alternativlos.
Menschen in Verantwortung müssen wirtschaftliche Erfolge ermöglichen, um damit die Volkswirtschaft am Leben zu erhalten. Sie sind aber auch für den Erhalt einer wünschens- beziehungsweise lebenswerten Gesellschaft verantwortlich, z.B. dadurch, dass sie anderen Orientierung geben. Weder die finanziell geprägte Eindimensionalität unseres sogenannt «glücklichen Lebens» noch der alles relativierende Individualismus, - der nichts als wertvoll, sondern nur als zweckmässig bewertet, - können letztlich Sinn vermitteln. Neue, individuelle und gesellschaftliche Lebenskonzepte werden notwendig.
Wir können die Welt nicht ändern, aber unsere individuelle Lebenswirklichkeit. Allerdings nur dann, wenn wir den Grundannahmen, Wertvorstellungen, Verhaltensnormen, Deutungs- und Handlungsmuster der Leistungsgesellschaft teilweise widersprechen beziehungsweise diese ersetzen. Damit stellt sich die Frage: Woher können in einer sich kulturell immer ähnlicher werdenden Welt, neuen Grundlagen herkommen? Der Boom in der Esoterik zeigt, dass viele Menschen aktiv Antworten suchen.
Die Leistungsgesellschaft wird durch das Leistungsprinzip, durch Kosten/Nutzen- Kalküle geprägt. Soll die Bibel eine alternative Lebensgrundlage bilden, so muss sie - um für uns heute relevant zu sein - eine Alternative zu diesem unglücklichen Leistungsprinzip bieten. Die Bibel beschäftigt sich sehr schwergewichtig mit den Problemen, die mit Leistung, Karriere machen und Geld verdienen verbunden sind. Jesus Christus bezieht sich in verschiedenen Gesprächen explizit darauf: «Wenn jemand auch noch so viel Geld hat, das Leben kann er sich damit nicht kaufen... Aber Gott sagt: Du Narr! Noch in dieser Nacht wirst du sterben. Was bleibt dir dann von deinem Reichtum? So wird es allen gehen, die auf der Erde Reichtümer sammeln, aber mit leeren Händen vor Gott stehen» (Lukas 12,15ff). In den Industrieländern haben viele Menschen erkannt, dass man sich mit Geld weder Leben noch Glück, Zufriedenheit und Sinn kaufen kann. Das Leistungsprinzip ist damit noch nicht durchbrochen. Ganz im Sinne des obigen Bibelzitates will man ja nicht mit leeren Händen vor Gott stehen. Aber auch diesen (frommen) Leistungsgedanken verwirft die Bibel: «Denn darin sind die Menschen gleich: Alle sind Sünder und haben nichts aufzuweisen, was Gott gefallen könnte. Aber was keiner verdienen kann, schenkt Gott in seiner Güte. Er nimmt uns an, weil Jesus Christus uns erlöst hat... Bleibt uns denn nichts, womit wir uns vor Gott rühmen können? - Nein, gar nichts! Also steht fest: Nicht wegen meiner guten Taten, die ich Gott vorweise, werde ich von meiner Schuld freigesprochen. Gott spricht mich erst dann frei, wenn ich mein Vertrauen allein auf Jesus Christus setze» (Römer 3,27ff). Mit anderen Worten heisst dies, wir können uns den Himmel nicht verdienen - er wird uns geschenkt! Und dies ist gut so, denn ansonsten würden nur die Starken, Gesunden, Reichen, Intelligenten - also die Leistungsfähigen - von Gott angenommen.
Die Bibel durchbricht das Leistungsprinzip. Wie also ersetzen wir die ökonomische Kultur und die Kosten/Nutzen-Kalküle? «Herr, welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz Gottes?» Jesus antwortete ihm: «Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit deinem ganzen Verstand! Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ebenso wichtig ist aber das zweite: Liebe deinen Mitmenschen, so wie du dich selber liebst!» (Matthäus 22,36ff) Diese Aufforderung zur dreifachen Liebe ist klar und deutlich. Wie wichtig Gott die Liebe als Lebensprinzip ist, zeigt sich daran, dass er das grösste aller denkbaren Opfer aus Liebe erbracht hat: «Denn Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab» (Johannes 3,16). Gott liebt die Menschen. Er liebt uns, weil er uns geschaffen hat. Und er fordert uns auf, diesem Prinzip folgend auch unseren Nächsten zu lieben. Allerdings wissen wir alle aus eigener Erfahrung, dass dies nicht einfach ist. In der Leistungsgesellschaft wird Nächstenliebe dahingehend interpretiert, dass ich meinen Nächsten liebe, damit er mich liebt und wir gemeinsam von Gott angenommen sind. Die Bibel definiert Nächstenliebe anders: «Oder erwartet ihr einen Lohn dafür, wenn ihr die Menschen liebt, die euch auch lieben? Das tut schliesslich jeder. Ist es etwas Besonderes, denen Gutes zu tun, die auch zu euch gut sind? Das können auch Menschen, die Gott ablehnen... Ihr aber sollt eure Feinde lieben und den Menschen Gutes tun. Ihr sollt ihnen helfen, ohne einen Dank oder eine Gegenleistung zu erwarten» (Lukas 6,32ff). Gott liebt uns bedingungslos und erwartet das auch von uns. Die so verstandene Nächstenliebe ist die vollständige Aufhebung jedes Leistungsprinzips. Obwohl wir alle wissen, dass durch die Nächstenliebe unser aller Leben sehr an Qualität gewinnen würde, sind wir nicht dazu in der Lage. Wir brauchen Gottes Liebe manchmal für die Eigen-, oft für die Nächsten-, immer aber für die Feindesliebe. Ohne die täglich erlebte Liebe von Gott sind wir nicht in der Lage, bedingungslos zu lieben - und selbst dann fällt es oft schwer.
Wir können unseren Nächsten und vor allem unsere Feinde auch darum nicht lieben, weil wir Angst vor Verletzungen haben. Wir haben Angst, die Anderen würden uns als Feiglinge oder Schwächlinge verurteilen. Wir haben Angst, von unseren Mitmenschen angegriffen zu werden. Aber das Lebenskonzept der Bibel führt zu einem angstfreien Leben. Denn Gott weiss, wie schwierig und angstmachend unsere Welt ist, darum will er uns die Furcht abnehmen und Frieden geben. «Dies alles habe ich euch gesagt, damit ihr durch mich Frieden habt. In der Welt werdet ihr von allen Seiten bedrängt, aber vertraut darauf: Ich habe die Welt besiegt» (Johannes 16,33). Das bedeutet nicht, dass man (auch als Christ) keine schwierigen Zeiten erlebt. Aber aus der Geborgenheit bei Gott wird es möglich, Schwieriges zu ertragen und zu bewältigen. «Das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, aber auch wirklich alles zu seinem Heil; denn dazu hat Gott selbst ihn erwählt und berufen» (Römer 8,28). Gott will also, dass wir ein glückliches, ein heiles Leben führen. Diese Zusage macht er uns. Das Lebenskonzept der Bibel enthält die Grundlagen.
Anhand weniger Bibelzitate wird deutlich, dass die Bibel tatsächlich Grundannahmen, Werte, Verhaltensnormen, Denk- und Handlungsmuster enthält, die echte Alternativen zu unserem Lebenskonzept der Leistungsgesellschaft sind. Diese ermöglichen unsere individuelle Lebenswirklichkeit neu zu konstruieren. Das auf der Bibel basierende Lebenskonzept umfasst alle wichtigen Aspekte des menschlichen Lebens, es ist sowohl visionär und gleichzeitig dennoch klar, konkret und (vor allem) auch in der heutigen Zeit aktuell. Es stellt sich die Frage, ob diese Alternative nur theoretisch existiert oder sich im harten Alltag auch bewährt. Christen in ihrem Bekanntenkreis können bezeugen, dass diese alternative Lebensweise sehr wohl real gelebt werden kann. Für mich persönlich war dieses Lebenskonzept, das Angebot von Gott an mich so attraktiv, dass ich mich 1993 für diese Alternative entschieden habe und bis heute immer wieder neu erlebe, was «alternativ» wortwörtlich bedeutet (lateinisch «alter» und «natus», heisst soviel wie «anders/neu geboren»). Ich kann bestätigen, dass ich begonnen habe, ein völlig neues und viel glücklicheres Leben zu führen. Dabei durfte ich feststellen - und dies ist die Antwort auf die Frage im Titel meines Referates -, dass nicht Leistung Glück schafft, sondern dass Glück die Voraussetzungen für gute Leistungen schafft.
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Weitere Artikel siehe onlineARCHIV im Internet unter www.ivcg.org

CH-Basel
selbstständiger Unternehmensberater, Thomas Giudici ist 1963 in Basel geboren, wo er auch sein Studium der Wirtschaftswissenschaften abgeschlossen und promoviert hat. Nach leitenden Stellungen im Management von Industrie-, Finanz- und Beratungsunternehmen wurde er 1992 von der Regierung des Kantons Basel-Stadt als Sanierungsbeauftragter und Finanzchef berufen. Seit 1996 ist er als selbstständiger Unternehmensberater im In- und Ausland tätig. Er engagiert sich in unterschiedlichsten Organisationen ehrenamtlich und ist Mitglied in verschiedenen Verwaltungs- und Stiftungsräten. Er ist ständiger Dozent im Fach Betriebswirtschaft, regelmäßiger Referent im deutschsprachigen Europa – besonders zu wirtschaftsethischen Themen – und Buchautor. Thomas Giudici ist verheiratet mit Marion Guidici. Sie haben zwei Kinder.