

Das Volk ist misstrauisch geworden. Laut einer Umfrage des «Wallstreet Journal» glauben mittlerweile 83% der Europäer, dass Manager nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Breite Bevölkerungskreise verlieren ihr Vertrauen in die Wirtschaft und besonders in die «Teppichetagen». Den so genannten Verantwortungsträgern – die viel zu selten zur Verantwortung gezogen werden – wird Unfähigkeit und eine unmoralische Abzockermentalität vorgeworfen. Die Medien sprechen von «Wertezerfall» und fordern: Neue Manager braucht das Land.
Diese Forderung nach neuen Managern ist ungerecht und naiv: Sie ist ungerecht, weil sich die abzockenden Manager gar nicht unmoralisch verhalten. Unmoralisch ist, was den geltenden ethischen Normen widerspricht. Die Versuche der Manager, ihren Nutzen z.B. in Form von Gehältern, Bonuszahlungen, Aktienpaketen, Abgangsentschädigungen usw. zu maximieren, steht aber nicht im Gegensatz zur vorherrschenden marktwirtschaftlichen Ethik der Nutzen- und Gewinnmaximierung. Ganz im Gegenteil wird doch von den Managern jeden Tag verlangt, das Beste für das Unternehmen heraus zu holen. Dafür wurden sie ein Leben lang intensiv ausgebildet und trainiert. Was als Abzocken verurteilt wird, ist eine Folge dieser Sozialisierung und damit keine Frage der Moral, sondern der Ethik.
Hinzu kommt, dass die moralische Verurteilung einzelner Manager die dringend notwendige Diskussion über die geltende (Wirtschafts-)Ethik der Gewinnmaximierung verhindert, indem das Problem einfach personalisiert wird. Die Anklagen bleiben damit auf der Symptomebene, statt dass die tiefer gehenden Fragen gestellt werden: Wie sieht die prägende Ethik in der Managerausbildung, den Unternehmen und der Wirtschaftsordnung, in denen die Manager sozialisiert werden, aus? Wie kommt es, dass sie eine Abzockermentalität haben und ausleben können? Ohne die Reflexion über diese Fragen ist die Forderung nach neuen Managern oder neuen Werten naiv. Woher sollen denn diese neuen Manager oder die neuen Werte kommen? Auch die neuen, sprich jungen Manager werden an denselben Orten ausgebildet und in den gleichen Unternehmen trainiert und eingesetzt und sind – wie wir alle – vom selben Zeitgeist geprägt.
Insbesondere seit dem Fall der Mauer Ende der 80er Jahre verbreiten sich diese marktwirtschaftlichen Denkund Handlungsweisen geradezu grenzenlos und ohne Alternative. Die globalisierte Wirtschaft wie auch viele nicht-wirtschaftliche Lebensbereiche (Kunst, Bildung, Sport, Soziales) und auch die Politik werden durch das marktwirtschaftliche bzw. neoliberale Denken geprägt. Es ist ein Zeitgeist- Phänomen geworden, das sich jeden Tag tausendfach in der Frage manifestiert: Was bringt es? Alles im Leben wird neuerdings vor allem unter dem Kosten/Nutzen-Aspekt beurteilt.
Welches sind die marktwirtschaftlichen Denkmodelle, also die Weltund Menschenbilder, die Werte und Normen, welche unsere Zeit so stark prägen?
Das marktwirtschaftliche Modell ist tatsächlich die beste bekannte Wirtschaftsordnung für einen effizienten und effektiven Einsatz der Ressourcen. Sie bildet ideale Voraussetzungen für das Wirtschaftswachstum, ohne das ein ständiges Streben nach dem Maximum sinnlos und unmöglich wäre. Aber sie hat auch gewichtige Schwächen. Besonders negativ ist, dass die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung ihre zentralen Versprechen der Freiheit und des steigenden Wohlstandes für alle nicht einhält. Im Gegenteil, wer den marktwirtschaftlichen Regeln nicht entsprechen will oder kann, geht unter oder kommt nicht hoch. In der Marktwirtschaft herrscht nicht die Freiheit, sondern der Zwang zum Erfolg. Es gilt das «Recht des Stärkeren» – also des Konkurrenz- und Leistungsfähigeren. Was das heißt, merken die Menschen in der Dritten Welt ebenso wie ein Produktanbieter oder Stellensuchender bei uns, der sich gegen 200 Mitbewerber durchsetzen muss.
Es ist das hemmungslose Ausleben dieses Rechts des Stärkeren, das in den letzten Jahren zur öffentlichen Empörung, zu Anklagen gegen Manager, Unternehmen und gegen die globale Marktwirtschaft geführt hat. Wo das Recht des Stärkeren zur Maximierung des Gewinns einzelner Manager und Unternehmen, gegen das Recht oder zum Nachteil von Arbeitnehmern, Standorten und Steuerzahlern durchgesetzt wird, führt dies zu öffentlichen Protesten. Offenbar stören sich die meisten an der – zumindest offensichtlich – ausgelebten Gewinnmaximierung, ohne dass sie sich des folgenden Satzes in der Bibel bewusst sind: «Geldgier ist eine Wurzel alles Übels.»1 Diese bald 2000 Jahre alte Feststellung steht in einem krassen Widerspruch zu unserem Zeitgeist, dem marktwirtschaftlichen Denken und dem dadurch geprägten Verhalten einzelner Manager und Unternehmer. Die Aussage verdient unsere Aufmerksamkeit:
Die Frage ist, ob die Bibel bei der Verurteilung von Gier und Habsucht stehen bleibt oder weiter geht und eine alternative Wirtschaftsethik anbietet. Die Bibel geht, einfach zusammengefasst von der von Gott geschaffenen, organisch funktionierenden Schöpfung aus. Die Welt wird bewohnt von nach dem Ebenbild Gottes geschaffenen Menschen. Der oberste Wert des menschlichen Lebens ist die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. Diese Liebe wird konkret in einem dienenden Verhalten, Gott und dem Nächsten gegenüber.
Eignet sich dieses Denkmuster auch für die wirtschaftlichen Aktivitäten? Die Antwort ist ein eindeutiges «Ja». Die Stoßrichtung der biblischen Wirtschaftsethik lässt sich anhand eines anderen Satzes der Bibel gut darstellen: «Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.»2 Als Ebenbilder Gottes sind wir Menschen seine Stellvertreter auf der Erde. Gott überträgt denjenigen, die ihn als ihren Herrn akzeptieren, die Verantwortung für die Bewahrung und Gestaltung der Schöpfung. Der biblische Begriff, der diese Stellung des Menschen beschreibt, lautet «oikonomos» und kann mit Verwalter, Treuhänder, Hausmeister oder Vermögensverwalter übersetzt werden. Ein Verwalter ist kein Beamter, kein Bürokrat. Ganz im Gegenteil. Zur Zeit der Bibel war der Verwalter die zweitwichtigste Person einer Gemeinschaft. Er ist nach dem Hausherrn die oberste Instanz und allein verantwortlich für dessen Güter und Geschäfte. Von «oikonomos» leitet sich unser Begriff «Ökonom» ab, die passende englische Bezeichnung ist «Manager». Modern formuliert sind Christen berufen, als Gottes Manager zu handeln.
Die zusammengefasst dargestellten Managementprinzipien orientieren sich an der Bibel und der Vision einer lebensdienlichen Wirtschaft. Eine solche Wirtschaft gewährleistet die nachhaltige und ganzheitliche Versorgung der Menschen mit lebenswichtigen materiellen und immateriellen Gütern. Die Wirtschaftsordnung muss Rahmenbedingungen der Produktion und Verteilung sicherstellen, die der Vermehrung des Wohlstandes aller und damit auch der Entwicklung und Freiheit dienen. Wie alles in der Bibel sollen auch die wirtschaftlichen Prinzipien einen Beitrag zu einem sinnvollen, glücklichen und ewigen Leben ermöglichen. Entsprechend ist auch die Wirtschaft aus biblischer Sicht nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck des guten Lebens. Wer vor dem Hintergrund dieser Vision der lebensdienlichen Wirtschaft den Ist-Zustand betrachtet, sieht sofort den Reformbedarf. Die wirtschaftliche Entwicklung – z.B. unter den Stichworten Gewinnmaximierung, Produktivitätssteigerung, «shareholder value» und Globalisierung – dient immer weniger den Menschen, der Natur und dem allgemein guten Leben. Menschen und Natur werden immer stärker in den Dienst der Wirtschaft gestellt. Wirtschaftsreformen, die sich an der Vision der Lebensdienlichkeit orientieren, sind dringend notwendig.3
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1 1. Timotheus, Kapitel 6, Satz 10
2 1. Petrus, Kapitel 4, Satz 10
3 Wie dies konkret aussehen könnte, kann im beschränkten Rahmen dieses Beitrages nicht ausgeführt werden. Der Autor hat dies aber in einem Diskussionspapier anlässlich des World Economic Forums 2004 in Davos im Auftrag der Schweizerischen Evangelischen Allianz in Form von Vorschlägen auf der Ebene der Gesamtwirtschaft, der Unternehmung und der Führungskraft beispielhaft ausgearbeitet und damit nachgewiesen, dass die biblisch-wirtschaftlichen Denkmuster konkret und umfassend angewandt werden können. Das Papier kann auf der Website des Autors (www.giudici-consulting.ch ) kostenlos herunter geladen werden. Der Autor hat zusammen mit Wolfgang Simson im Januar 2005 ein Buch zum Thema Arbeit und Geld veröffentlicht mit dem Titel «Der Preis des Geldes – Wege zur finanziellen Freiheit» (Brendow Verlag), das die hier angesprochenen und viele weitere Gedanken beinhaltet (vgl. www.preisdesgeldes.net)

CH-Basel
selbstständiger Unternehmensberater, Thomas Giudici ist 1963 in Basel geboren, wo er auch sein Studium der Wirtschaftswissenschaften abgeschlossen und promoviert hat. Nach leitenden Stellungen im Management von Industrie-, Finanz- und Beratungsunternehmen wurde er 1992 von der Regierung des Kantons Basel-Stadt als Sanierungsbeauftragter und Finanzchef berufen. Seit 1996 ist er als selbstständiger Unternehmensberater im In- und Ausland tätig. Er engagiert sich in unterschiedlichsten Organisationen ehrenamtlich und ist Mitglied in verschiedenen Verwaltungs- und Stiftungsräten. Er ist ständiger Dozent im Fach Betriebswirtschaft, regelmäßiger Referent im deutschsprachigen Europa – besonders zu wirtschaftsethischen Themen – und Buchautor. Thomas Giudici ist verheiratet mit Marion Guidici. Sie haben zwei Kinder.